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Im Rahmen der Debatte um das Thema Ostkunst / Westkunst hat Kuratoriumsmitglied Siegfried Gohr Stellung genommen. Lesen Sie seinen Artikel im Folgenden:
SECHZIG JAHRE. SECHZIG WERKE. Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland 1. Mai – 14. Juni 2009 im Martin-Gropius-Bau Berlin
Bei vielen Gelegenheiten wurde des sechzigjährigen Bestehens der Bundesrepublik gedacht – im Fernsehen, in den Zeitungen, Magazinen etc., aber an ein veritables Ereignis hatte im regierenden Berlin niemand gedacht. Als sich eine Lücke im Ausstellungsprogramm des Martin-Gropius-Baus neben der ehemaligen Mauer in Berlin auftat, griff eine Gruppe von entschlossenen, kulturbewussten Menschen zu.
Deshalb kam eine ungewöhnliche Koalition aus BILD, RWE und Stiftung für Kunst und Kultur aus Bonn zustande, die sich außerdem die Unterstützung des Bundesinnenministeriums sicherte. Es wurde möglich, das Projekt “60 Jahre/60 Werke“ zu realisieren, das auf der Basis eines ungewöhnlichen Konzeptes eine Übersicht über die Kunst der Bundesrepublik ermöglichen sollte. Wie Jahresringe sollten Kunstwerke für den jeweiligen geschichtlichen und intellektuellen Zustand der Bundesrepublik stehen. Hieraus würde zwangsläufig so etwas wie ein Kanon hervorgehen können. Es muss nicht ausführlich erwähnt werden, dass Kanon-Bildungen ungerecht sein müssen; aber andererseits ist auch klar, dass eine gewisse Anzahl von künstlerischen Positionen kaum hinterfragt werden können, sie gehören zum Bestand der Kunstgeschichte in Deutschland nach 1945.
Und außerdem - nicht jede Ausstellung kann diese Geschichte neu erfinden. So verwundert es nicht, dass die jetzt zustande gekommene Ausstellung in manchem dem entspricht, was auch in einigen Vorläuferprojekten zu sehen war. Es ist also eine eindrucksvolle Schau entstanden, die das bestätigt, was auch anderenorts schon ausgewählt wurde.
So weit, so gut. Nun scheint es aber so zu sein, dass es aus den letzten 60 Jahren nichts Wichtigeres gibt, als die sogenannte “DDR-Kunst“. Der Kritiker der “ZEIT“ schreit förmlich am Ende seiner Auslassungen: Zeigt uns endlich diese Werke! Mir ist nicht genau bekannt, seit wann er die Kunstaktivitäten in Deutschland beobachtet und kommentiert. Offensichtlich erst seit kurzem und nicht vollständig informiert, sonst wäre eine solche Forderung nicht zu verstehen. Denn nicht erst seit dem Fall der Mauer waren die Werke der DDR-Künstler auch im Westen zu sehen; denn es gab mächtige Fürsprecher. Drei Granden aus der alten Bundesrepublik setzten sich stetig und vehement auf die offizielle “DDR-Kunst“ ein: Helmut Schmidt, Peter Ludwig und Henri Nannen. Schon zu DDR-Zeiten gab es eine Zusammenschau beider Kunstwelten und danach, z. B. “Deutschlandbilder“, “Das XX. Jahrhundert“ etc.
Trotz all dieser Bemühungen, die schon auf der documenta von 1977 einsetzten, ist die “DDR-Kunst“ eine ostdeutsche Spezialität geblieben. Das hat seine Gründe. Die Kunst hatte in der DDR eine andere Funktion als im Westen oder sogar in Polen und der damaligen Tschechoslowakei. Sie war ein gesellschaftliches Kommunikationsmittel, in dem manches angedeutet werden konnte, was im offiziellen Leben nicht vorkommen durfte. Es gab Gesten, Zeichen, Symbole, die von den Mitgliedern dieser speziellen Gesellschaft gelesen und verstanden werden konnten. Diesem Zweck entsprechen zwei Eigenschaften dieser Kunst, die fast durchgängig zu beobachten sind, nämlich eine Art surrealer Ambivalenz, die im Übrigen auch noch bei Neo Rauch zu beobachten ist, und eine Tendenz zum Illustrativen. Kunst, bei der man sich etwas denken kann. Kunst, die dem Betrachter etwas sagt. Mit diesen Eigenschaften wurde sie immer wieder gegen die angeblich selbstverliebte und nihilistische Avantgarde des Westens in Stellung gebracht. Hier fühlte sich ein bildungsbürgerlicher Anspruch heimisch, der das Gegenwärtige unserer Zeit aus den Augen verloren hatte und eine Haltung zum Kunstwerk perpetuierte, die man als säkularisierte Kunstandacht bezeichnen könnte. Wenn der Blick auf das ästhetische Instrumentar der Werke fällt, dann sind die stilistischen Quellen nur zu offensichtlich erkennbar.
Corinth, Beckmann, Picasso, Dix, der italienische Realismus etc. Es ist, als ob die Geschichte der Kunst stillstehen würde. Wer vermisst eigentlich diese zeitgebundenen, situationsbedingten und oft epigonalen Werke? Und warum werden sie noch zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR gebetsmühlenmäßig bei jeder Unternehmung zur deutschen Nachkriegskunst reklamiert? Warum immer wieder dieser politische Nebenkriegsschauplatz? Warum sind die Werke von Künstlern, die in eine menschenverachtende Diktatur verstrickt waren oder ihr aktiv gedient haben oder als Alibi von Nutzen waren, so wichtig? Die Werke werden manchmal in Schutz genommen, weil sie die eigentlichen deutschen waren.
Aber – welche Künstler könnten deutscher sein, als z. B. Beuys, Baselitz und Richter, ja auch Gerhard Richter gehört mit seinem emphatischen Glauben an die überhöhende und reinigende Kraft der Malerei in die deutsche Tradition. Wenn das Argument nicht wirklich trifft, dann fragt man sich weiter, wo die Sehnsucht nach der DDR-Kunst begründet sein mag außer in den wachsenden Ressentiments gegen die Bundesrepublik. Oder ist es vielleicht so, dass Kunst, die ihre Exzentrik, ihre Freiheit, ihren Genuss und ihre Autonomie einfordert, in dieser Gesellschaft nicht wirklich verankert ist? Gehört die “DDR-Kunst“ nicht eher in ein historisches Museum als in ein Kunstmuseum? Wollen die Deutschen wirklich vor allem Kunst, die anderen Zwecken dient, die nicht um ihrer selbst geachtet und gezeigt wird? Können sie die Utopie, die im Ästhetischen steckt, nicht wahrnehmen und ebenso wenig die Freiheit und das Selbstbewusstsein, welches damit verbunden ist?
Die Ausstellung “60 Jahre/60 Werke“ beweist Gott sei Dank, dass die “DDR-Kunst“ wirklich nur ein Nebenkriegsschauplatz ist. Die Kraft und Ausstrahlung der ausgestellten Werke beweist, warum die Kunst der Bundesrepublik heute Weltgeltung erfährt.
Siegfried Gohr
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